Über TROPENFIEBER II 


Folge 1:
"Logbuch Bounty"
 


Folge 2:
"Vorstoß am Orinoco"
 


Folge 3:
"Wagnis im Dschungel"
 



- Intro Folge 2 -
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Making of Tropenfieber II


Historische Helden

Als die Suche nach den Hauptdarstellern beginnt, haben die Figuren in unseren Köpfen schon längst ein Eigenleben entwickelt. Sie sind, wie Nachbarn oder alte Bekannte, merkwürdig vertraut. Sie atmen und reden mit uns über Storyboards und Shotlists. Sie haben Stärken und Schwächen, und bei aller historischen Größe kleine Ticks und Marotten. Sie lachen auf eine bestimmte Art oder ziehen die Augenbrauen hoch. Wir tun so einiges, um ihnen halbwegs gerecht zu werden. Unsere Requisiten-Listen werden immer eindrucksvoller, um die historischen Helden neu zum Leben zu erwecken. Aber wir ahnen bereits, dass uns 45 Fernsehminuten dafür niemals reichen werden.

Unser Humboldt ist eine Art polyglotter Indiana Jones der Feldforschung - ein heldenhafter Nichtschwimmer (nein, Humboldt konnte nicht schwimmen), der die Stromschläge südamerikanischer Zitteraale am eigenen Körper ausprobiert und Wasserproben aus Flussläufen trinkt, ohne sie abzukochen (hmm, schmeckt nach Krokodil). Er ist ein Hightech-Nerd seiner Zeit, Stammkunde der besten Instrumentenbauer Europas, der uns mit typisch männlichem Statusdenken und hyperaktiver Pingeligkeit zum Lachen bringt. Ein Gedächtnisgigant im Vermessungswahn, der literarische Zitate in den Regenwald streut, als wäre das nichts. Ein Visionär mit Hummeln im Hintern, einer Deutschen Dogge im Boot und - vielleicht - einer geheim gehaltenen Schwäche für Männer.

Wir finden unseren Humboldt natürlich hinreißend, gelegentlich etwas nervtötend, aber so charmant, dass man ihm sofort wieder alles verzeiht. Wir schauen die Bilder des jungen Humboldt wieder und wieder an, bis wir es endlich sehen: Unser Humboldt ist Benjamin Völz - Maler, Musiker und Schauspieler aus Berlin. Als Sohn von Wolfgang Völz durfte Ben schon als Kind in der Deko der "Raumpatrouille Orion" spielen. Schon das macht ihn für uns in etwa so einmalig wie Humboldt. Wir fragen ihn, ob er Lust habe, am Amazonas (wo wir drehen werden) Krokodile zu vermessen, Jaguaren gegenüber zu stehen und mit Booten zu kentern. Ben sagt, das sei prima. Er müsse eh mal wieder raus aus Berlin. Genau wie damals unser Humboldt. Überhaupt soll "unser" Abenteurer Humboldt endlich mal so gezeigt werden, wir er unserer Meinung nach war: Er blüht im Dschungel auf, nicht im Salon.

Bei "Captain Bligh" haben wir etwas länger gebraucht. Kein Wunder bei dem miesen Ruf, den er als unbarmherzigster Tyrann der Seefahrtsgeschichte (Hollywood sei Dank) genießt. Nach ein paar Wochen Recherche allerdings sind wir per Du. Und wir wissen genau wie er, was es bedeutet, wenn die Tage lang werden - oder sich Eitelkeiten verselbständigen und Gruppen mit eigenen Interessen entstehen. Wir kennen mäßiges Catering am Set als ähnlich großen Stimmungskiller wie Schiffszwieback und Sauerkraut in den alten Seefahrts-Zeiten. Und Blighs Sturmfahrt vor Kap Hoorn ist ganz entfernt vergleichbar mit Schnee in Plettenberg/Südafrika, wo wir Anfang Mai zehn Tage lang Westafrika spielen wollten. Aber dazu später.

Leadership is not easy, sei das Motto des Bounty-Dramas, bestätigt uns ein Experte in Sydney. Da ist Captain Bligh (der für die Bounty-Mission gar nicht wirklich zum Kapitän befördert wurde) für uns schon längst ein fortschrittlicher Kommander, der auch an seinen guten Absichten scheitert. Bligh war seiner Zeit in manchen Dingen voraus. Und das führt auch heute meist zu Mißerfolg. Bligh scheiterte zudem an mangelnder Empathie, er ist schwierig, aber nicht unsympatisch. Er ist pedantisch, aber oft zum Besten seiner Crew. Sein strahlendes Talent und seine Bewunderung für die wissenschaftlichen Leistungen seines letzten Chefs - James Cook - geben ihm etwas Kindlich-Rührendes und zugleich erstaunlich Modernes.

Und natürlich hat Bligh für uns längst ein Gesicht: Peter Barron, Schauspieler und Buchhändler aus Melbourne, mit dem wir schon für einen Tropenfieber-Film über den Naturforscher Alfred Russel Wallace zusammengearbeitet haben. Peter Barron ist sofort an Bord. Und wenig später hat unsere Casting-Agentin mit Woody Naismith in Sydney den idealen Fletcher Christian entdeckt. Bald bevölkern lauter Darsteller unsere Bounty, die exakt so sind wie wir uns die Crew nach den historischen Beschreibungen vorgestellt haben. Kyle Hedrick IST Peter Heywood. Cole Rintoul, Ex-Mitglied einer australischen Boy Group, IST Bootsmannsmaat James Morrison. Jason Glover, der vor Jahren auf dem tasmanischen Fischkutter seiner Eltern als Schauspieler entdeckt wurde, ist wieder fischen, als wir ihn anfragen lassen. Er will den Bounty-Steuermann John Fryer so gern spielen, dass er sich über 300 Meilen an Land bringen lässt und von Tasmanien nach Sydney fliegt. Jason wird auch - sehr im Gegensatz zu uns - auf der Bounty nicht seekrank. Das Schiff, für den Mel Gibson-Film gebaut, hat leider keinen Kiel und schlingert bei Seegang in gleich zwei Richtungen. Keiner der Darsteller will von Bord, obwohl wir es allen anbieten. Es ist ihr Schiff. Und sie sind die Bounty-Crew. Kaum eine Fußball-Mannschaft dürfte je so kumpelhaft zusammen gestanden haben, wie diese Truppe aus jungen Australiern (und je einem Engländer und Amerikaner).

Ron Hadley alias Meuterer Matthew Quintal lässt sich 30 Minuten lang auspeitschen, während der Helicam-Spezialist Peter Thomson im Hubschrauber seine Runden ums Schiff zieht und Monty Python zitiert ("Ein bißchen Peitschen hat noch nie jemandem geschadet"). Peter hat auch viele der Heli-Bilder für "Herr der Ringe" gedreht. Er setzt unserer Bounty ein kleines Denkmal in HD-Auflösung.

Schließlich machen wir uns an die letzte Produktion dieser Tropenfieber-Staffel: mit Mary Kingsley nach Westafrika. Unsere Mary ist die Mary Poppins unter den Afrikareisenden. Ihre umwerfend lakonischen Zitate lassen in verschiedenen Büros auf dieser Welt verschiedene colourFIELD-Mitarbeiter in lautes Gelächter ausbrechen. Alle lieben Mary. Und als wir die Casting Videos aus Kapstadt auf unseren Computern laufen lassen, brauchen wir nur einen Blick, um unsere Mary unter zwei Dutzend Bewerberinnen zu entdecken. Jenny Stead ist genau wie die Mary Kingsley in unseren Köpfen: zerbrechlich, aber voller Kraft, präzise, aber mit einer deftigen Portion Selbstironie, entwaffnend direkt, ohne jede Allüren. Eine zarte Frau, die ohne großes Federlesen ihren Mann steht. Jenny liebt die Figur, die sie spielen soll, genauso wie wir. Sie übersteht mit uns vier komplette Sturm-Schnee-und-Regentage. Das verrückte Wetter in Südafrika bricht 57 Wetterrekorde. Wir planen zwischendurch bereits den Umzug nach Namibia. Producer Patrick spricht im Halbstundentakt mit Wetterstationen und bucht Hotels und Locations um. Wir fühlen uns wie Bligh vor Kap Hoorn.

Schließlich machen wir einfach weiter - alle hinter der Kamera in Ölzeug und dicken Pullovern. Vor der Kamera regiert die Gänsehaut. Heizlüfter, Wolldecken und Ingwertee halten die Statisten warm. Jenny dreht etliche Szenen in knöcheltiefem Schlamm - und in schwarzen Gummistiefeln, die wir unter dem historischen Kostüm verstecken. Mary Kingsley wird zu einer echten Herausforderung. Doch am Ende sind alle begeistert und wissen kaum noch, von wem. Jenny? Mary? Eigentlich auch egal. Alle sagen längst Mary zu Jenny. Sie ist die Figur, die zuvor nur in unserer Vorstellung existierte. Jenny ist Mary Kingsley.

Petra Höfer


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Fotos:
Petra Höfer
Freddie Röckenhaus
Bard Canning
Svenja Mandel
Alex Seidl